Der Fluch von viel leisten?

Wenig fühlen.

Tun. Funktionieren. Lösen. Durchziehen. Stark sein. Nicht jammern. Immer den Plan haben. Immer belastbar bleiben.

Von klein auf lernen Männer, dass ihr Wert daran gemessen wird, was sie erreichen, nicht daran, wer oder wie sie sind. Anerkennung gibt es für Ergebnisse, für Leistung, für Stärke. Für ein „Mir geht es gerade nicht gut” gibt es häufig wenig bis keinen Raum.

Wie soll ein Mann seine Gefühle kennen, wenn nie jemand mit ihm danach gesucht hat? Wie soll er Bedürfnisse benennen, für die er nie Worte gelernt hat? Wie soll er um Hilfe bitten, wenn „alleine schaffen” die ihm einzig bekannte Option ist?

Es fällt ihm schwer. Also arbeitet er mehr, optimiert, plant, trainiert, hilft anderen, übernimmt Verantwortung. Alles Dinge, die ihn selbstbewusst fühlen lassen - und gleichzeitig ein perfektes Ventil sind. Denn solange er beschäftigt ist, muss er nicht fühlen, was in ihm vorgeht.

Nach Jahren des “Tuns” zeigt es sich als innere Leere trotz äußerem Erfolg, als Reizbarkeit, Rückzug oder Gereiztheit, die er sich selbst nicht erklären kann. Als Körper, der irgendwann „Stopp” sagt - durch Anspannung, Schlafprobleme, Erschöpfung oder Burnout. Als Beziehungen, in denen er präsent wirkt und doch schwer erreichbar ist. Viele Männer haben keinen wirklichen Zugang zu ihrem Innenleben und kennen sich selbst am besten über das, was sie tun, nicht über das, was sie empfinden.

Dahinter wirken Mechanismen, die selten benannt werden. Sätze wie „Männer weinen nicht” mussten nicht explizit ausgesprochen werden, sie wurden vorgelebt: Väter, die schwiegen. Emotionen, die keinen Platz hatten. Das Gefühl, dass Verletzlichkeit gefährlich ist, weil sie Respekt, Zugehörigkeit oder Männlichkeit kosten könnte. Wut ist oft das einzige Gefühl, das erlaubt war, und darunter verstecken sich häufig Traurigkeit, Angst, Scham oder Überforderung.

Hinzu kommt das Selbstbild als Versorger, Beschützer und Macher, das so viel Druck erzeugt, dass echte Nähe zu anderen Menschen, besonders zu Partnerinnen, häufig nicht mehr drin ist.

Das betrifft nicht nur Männer, die „kühl” oder verschlossen wirken. Gerade auch Männer, die humorvoll, charmant und zugewandt sind, kennen diese Distanz zu sich selbst. Manche reden viel und analysieren alles, ohne aber wirklich zu fühlen.

Sich so zu erleben, ist nie das persönliche Versagen eines Mannes. Es ist die Folge von Sozialisation und von Rollenbildern, die Männern kaum Raum für ihr Innenleben ließen. Wer nie gelernt hat, Gefühle wahrzunehmen, kann nichts dafür, dass es ihm heute schwerfällt.

Und diese Prägung sitzt tief. Das Nervensystem hat gelernt: Aktivität ist sicher, Stillstand ist riskant, Fühlen ist unangenehm. Irgendwann stellt sich dann die Frage: Wofür das alles? Kommt irgendwann der Punkt, an dem ich zur Ruhe kommen und das alles genießen kann?

Ja, aber nicht ohne, dass sich etwas verändert. Allem voran die Bereitschaft, die bekannten (Rollen)Muster zu hinterfragen und neue Verhaltensweisen zu erlernen. Wenn es möglich ist, auszuhalten, was da ist, ohne davor wegzulaufen, dann wird Ruhe wohltuend sein. Und Leistung wird zu einer Wahl, nicht mehr zur Flucht.

Jeder Mann kann den Zugang zu seiner Gefühlsebene stärken und erfahren, wer er jenseits von Leistung, Rolle und Funktion ist.